Sitten und Bräuche
Feste wurden in den Dörfern von je her gern gefeiert. Eine der Ursachen dafür ist sicherlich, dass sich die Menschen untereinander fast alle namentlich kennen und früher oftmals auch untereinander näher oder entfernter verwandt waren.
War eine Dorfhochzeit angesagt, so betrug die Anzahl der
Gästeschar meist hundert und mehr Personen. Das bezeugen jedenfalls viele
alte Hochzeitsbilder noch bis in die Fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts.
Ihr Interesse bekundeten aber fast alle Dorfbewohner. Sei es mit einem Besuch
am Polterabend, der für alle zugänglich war oder mit einer Aufmerksamkeit
zur Hochzeit oder aber mindestens mit dem Empfang des Brautpaares entlang
der Dorfstraße, wenn dieses nach der Trauung aus der Kirche kam.
Aber auch öffentliche Feste wurden zu besonderen Anlässen gemeinsam gefeiert und gut besucht. Dazu zählten Fastnachten genau so wie das Stollenreiten zu Pfingsten, die Feiern der Vereine oder später auch die Betriebsfeste und Ausflüge der ortsansässigen Betriebe wie LPG, BHG, ACZ u.ä.
Durch den Fortschritt der Technik und die Bildung der LPG gab es zunehmend weniger Pferde in den Dörfern, so dass damit auch dem Stollenreiten ein Ende angesagt war. Nach meinen Erkenntnissen war in Jänickendorf das letzte Stollenreiten vor der Wende Mitte der Sechziger Jahre. Nach meinen Aufzeichnungen wurde das Kranzstecken bis 1966 jährlich am Pfingstmontag auf dem alten Sportplatz in Jänickendorf unter großer Anteilnahme der Bevölkerung durchgeführt. Dann passierte auf diesem Gebiet erst einmal nichts mehr.
Nach
der Wende konnte diese alte Tradition wieder neu aufleben. Der Pferdesport
hielt auch im Osten Deutschlands verstärkt Einzug und der Anteil der
Pferdeliebhaber, die sich dieses kostspielige Hobby leisten können, steigt
von Jahr zu Jahr. So auch in unserem Dorf. Und damit steht der Wiederbelebung
des Stollenreitens nichts mehr im Wege. Bei dem Stollenreiten haben die Reiter
die Aufgabe, während des Rittes durch einen aufgestellten Torbogen die
daran befestigten Kränze mit einem Stab herunterzustecken. Deshalb wird
dieser Wettbewerb auch als "Kranzstecken" bezeichnet. Seit 1994
wird in Initiative der beiden ortsansässigen Reiterhöfe (J. Kostmann
und Fam. Riemer) das Stollenreiten wieder jährlich zum Pfingstfest auf
unserem Sportplatz durchgeführt. Es findet zunehmend immer mehr Interessenten
und Schaulustige. Auch zu unseren Dorffesten fanden schon Ausscheide im Kranzstecken
statt.
In alten Aufzeichnungen ist zum Kranzstecken folgendes zu
lesen:
Am Nachmittag des Pfingstmontag zog das ganze Dorf zum Kampfplatz hinaus,
vornweg die Musike. Ihr folgten die jungen Mädchen, und hinter ihnen
kamen die Burschen und jungen Männer hoch zu Roß. Alles, was zuschauen
wollte, schloß sich ihnen an. Und dann begann der Wettkampf. Den Siegern
winkten zum Schluß Preise, die oft die Dorfgemeinde gespendet hatte.
Beim Kranzstecken haben die Reiter die Aufgabe, während des Rittes durch
einen aufgestellten Torbogen die daran befestigten Kränze mit einem Stab
"herunter zu stecken". Deshalb wird dieser Wettbewerb auch als "Kranzstecken"
oder "Kranzstechen" bezeichnet.
Meine schon oft ausgedrückte Hoffnung, diesem Fest wieder mit Umzug durchs Dorf, Musik und weiteren unterhaltsamen Darbietungen zu neuem Leben zu verhelfen wird nun zu einem Stück Wirklichkeit. Immer Pfingstmontag findet ein Kranzstecken auf dem Sportplatz statt. Es wird ungefähr zwei Stunden dauern. Eine Stärkung für die Zuschauer durch Kaffee und Kuchenangebot ist möglich.
Und damit bin ich bei einem Fest angelangt, das durch Anregung sowie Organisation von Pfarrer Dr.W.Flach am 2.und 3.September 1995 ins Leben gerufen wurde. Seitdem feiern unsere Einwohner mit ihren Gästen jedes Jahr im Sommer an einem Wochenende "ihr Dorffest".
Die
ersten Jahre haben wir unser Dorffest so organisiert, dass es über zwei
Tage verteilt ist. Sonnabend Abend findet in der Kirche ein Konzert statt.
Mal treten Chöre aus anderen Dörfern auf, mal sind es Chöre
aus anderen Kirchgemeinden oder andere sangesfreudige Vereine. Meist ab 20.00Uhr
beginnt dann im großen Festzelt ein Tanzabend, bei dem natürlich
auch bestens durch die ortsansässigen Unternehmen für das leibliche
Wohl der Gäste gesorgt ist.
Am nächsten Tag,einem Sonntag, beginnt das "Spektakel" nach
dem Mittag. Der Beginn des zweiten Festtages ist unterschiedlich, denn es
soll ja nicht ein Fest wie das andere sein. Auf jeden Fall findet das Fest
aber rund um die Kirche statt. Eine Bühne ist aufgebaut, viele Stände
bieten verschiedene Möglichkeiten der Betätigung oder einfach auch
des Zuschauens, Bildtafeln und Schriftstücke der Jänickendorfer
Ortschronik sind ausgestellt, es kann am Preiskegeln teilgenommen werden und
natürlich fehlt auch eine Losbude nicht. Auf der Bühne wird das
Programm durch Vorführungen der Kinderkrippen-, Kindergarten- und Schulkinder
sowie der Christenlehrekinder eröffnet. Eine musikalische Unterhaltung
ist auch an diesem Tag selbstverständlich. Und selbsverständlich
wird auch am Sonntag für das leibliche Wohl der hoffentlich recht zahlreichen
Besucher gesorgt.
Mit Kaffe und selbstgebackenem Kuchen vieler fleißiger Frauen aus unserem
Dorf sowie Gegrilltem und anderen Köstlichkeiten im großen Festzelt
ist die Garantie gegeben, dass keiner mangels Durst oder Hunger unser Dorffest
vor 18.00Uhr verlassen muss!
Später gingen wir dazu über das Dorffest nur noch am Samstag zu begehen. So fängt es gegen 14 Uhr mit einem Programm an. Es wird viel Angeboten, von Handwerksständen, Kinderbeschäftigung bis natürlich zum Essen und Trinken. Am Ende des Programms steht um 18 Uhr ein Konzert in der Kirche. Danach kann dann im Festzelt bis spät in die Nacht gefeiert und getanzt werden.
2005 feierten wir 10 Jahre Dorffest in Jänickendorf
Dieses fand am 1./2. September 1995 statt. Der eigentliche
Anlass dafür war damals das Gedenken an die Kirchweihe vor 160 Jahren.
Die Festlichkeiten begannen am Samstag Abend mit einem Umzug entlang der Hauptstraße
(heute Alte Hauptstraße) bis hin zum Sportplatz. Unter musikalischer
Begleitung zogen Kinder mit weithin leuchtenden Lampions und Jugendliche mit
brennenden Fackeln durchs Dorf. Auf dem Sportplatz angekommen wurde ein riesiges
Lagerfeuer entfacht. Im Anschluss daran fand ein fröhlicher Tanzabend
statt. Ab Sonntag Mittag begann dann das eigentliche Dorffest.
Konfirmanden führten auf der Bühne hinter der damaligen Volksbank
ein Laienspiel aus der Ortschronik unter dem Namen Brandstiftung der
Martha Hönicke vor, der damals auch die Jänickendorfer Kirche
zum Opfer fiel, deren Wiederaufbau nach dem verheerenden Brand mit genannter
Kirchweihe ihren Abschluss fand.
Mitglieder des Lyrachores und der Posaunenchor umrahmten das Programm
musikalisch. Kinder hatten die Möglichkeit, sich am Bastelstand und bei
Spielen zu vergnügen. Ortsansässige Unternehmen stellten ihre Gewerbe
vor und sorgten auch für die kulinarische Beköstigung der Gäste.
Mit diesem Tag wurde eine neue Tradition für unser Dorf ins Leben gerufen.
Jedes Jahr folgte seitdem ein neues Dorffest. (Anmerkung: schauen Sie sich
auch Bilder der Dorffeste an)
Anliegen ist es für die an der Vorbereitung und Durchführung
Beteiligten, dass sich unser Dorf mit seinen Menschen den Gästen vorstellt.
Tradition ist seitdem, dass mit einem festlichen Konzert in der Kirche das
Fest eröffnet oder abgeschlossen wird und der Samstag Abend mit Tanz
im Zelt bis oftmals weit nach Mitternacht seinen Abschluss findet. Der Sonntag
wird mit einem kulturellen Programm, gestaltet durch Kinder und Jugendliche
unseres Dorfes unter Einbeziehung der Schule und des Kindergartens, auf der
Bühne eröffnet. Danach beginnt das eigentliche Treiben rund um die
Kirche. Altbewährtes wird jedes Jahr wieder angeboten. Dazu gehören
zum Beispiel das erwähnte Kulturprogramm, die Tombola, ein kostenloser
Bastelstand für Kinder, Ausstellungstafeln mit Material der Ortschronik
und Kutschfahrten. Nicht zu vergessen das Angebot von selbstgebackenem Kuchen
der Frauen unseres Dorfes und weiterer Speisen und Getränke durch eine
unserer Gaststätten.
Wert wird aber besonders auch darauf gelegt, dass immer wieder neue Ideen
und möglichst auch zahlreiche Mitgestalter in Form von handwerklichem
Gewerke mit Ausstellung, Vorführung alter Handwerkstechniken und Verkauf
zum Tragen kommen und kein Eintritt gezahlt werden muss.
Stolz sind die Veranstalter auf den neu angelegten Festplatz direkt an der
Kirche mit einer Bühne, die durch ihre Gestaltung gleichzeitig als Schachbrett
genutzt werden kann. Besonders angenehm für alle Besucher unseres Dorffestes
ist die Errichtung eines WC in einem festen Gebäude direkt am Festplatz
gelegen.
Da wir in diesem Jahr mit dem 10. Dorffest ein Jubiläum
begehen, warten natürlich einige besondere Überraschungen auf unsere
Besucher. Sei es nun, dass Sonntag Vormittag zum Frühschoppen mit Blasmusik
und der Möglichkeit des Schachspielens eingeladen wird oder erstmalig
mit den Komplizen, bekannt durch TV u.a. aus der Hitparade, Aktuelle
Schaubude, Magazin- sowie Musiksendungen, mit Unterstützung von Sylvia
Herold aus Jänickendorf, ab 13.00 Uhr live gesungen wird oder ein ganz
besonderer Hauptgewinn bei der Tombola zu ergattern ist.
Auf jeden Fall wurde für unsere von Jahr zu Jahr zahlreicheren Gäste
das Dorffest zu einem schönen Erlebnis und hat sich zugleich zu einer
Tradition gefestigt.
Hochzeitsbräuche vor 100 Jahren
Da
besonders die jungen Leute auf den Bauernhöfen, bedingt durch ihre auf
jeden Tag und von früh bis spät verteilte Arbeitszeit nur selten
Zeit hatten ein Tanzvergnügen zu besuchen, gab es einst den "Jugendmarkt"
- auch Hochzeitsmarkt genannt. Hier trafen sich einmal im Monat
heiratsfähige Burschen und Mädchen vom Lande, oft im Beisein ihrer
Eltern, um den richtigen Partner fürs Leben zu finden. Hatte es dann
bei einem Pärchen gefunkt und das Einverständnis der
Eltern lag vor, traf man sich noch einige Male, um sich auch gewiss zu sein,
dass es der richtige Partner fürs Leben ist. Oft war es nämlich
so, dass der Erbe (die Erbin) eines Bauernhofes nicht die (oder den) Partnerin
heiraten durfte, für die eigentlich sein Herz schlug. Wichtig war zu
jener Zeit, dass die Partnerwahl auch den Erfordernissen einer Bauernwirtschaft
entsprach. Hinsichtlich der Größe des Hofes, aber auch der körperlichen
Verfassung der Auserwählten. Bei dem Hochzeitswilligen mussten zuerst
der Verstand und dann erst das Herz entscheiden.
Auf dem Heiratsmarkt traf man auch "Heiratskuppler",
die den Besuchern entsprechende Verbindungsvorschläge unterbreiteten.
Dafür erhielten sie eine Entschädigung und verdienten sich damit
den "Kuppelpelz".
Bei dem Hochzeitswilligen mussten zuerst der Verstand und dann erst das Herz
entscheiden. Diesen "Hochzeitsmarkt" gab es bis Anfang des 2.Weltkrieges.
Hochzeiten durften nur an Wochentagen, also von Montag bis Freitag gefeiert
werden. Sonnabend und Sonntag waren der inneren Einkehr und Ruhe vorbehalten.
Am 15.Juli 1930 beschloss die Kirchenvertretung in Jänickendorf auf ihrer
Vollversammlung: bis auf weiteres wird der Sonnabend für Trauungen frei
gegeben, wenn diese nicht im Gasthof und verständig ohne Anstoß
und Ärgernis vor sich gehen.
Neu eingeführt und zur kirchlichen
Sitte 1930 geworden:
1.) Der Geistliche empfängt das Brautpaar mit einem Votum an der Kirchtür
(feierliches Gelübde)
2.) Das Brautpaar sitzt während der Feier
3.) sind gedruckte Liedertexte für alle Hochzeitsgäste angeschafft
worden.
Der Altar ist mit Blumen geschmückt,
es wird mit den Glocken geläutet. Fröhliche weltliche Musik bringt
das Brautpaar bis zur Kirche. Junge Mädchen oder kleine Kinder streuen
auf dem Wege - manchmal auch noch in der Kirche, Blumen oder Grünes.
Jedes Brautpaar empfängt eine Traubibel.
Nach der Trauung gehen alle um den Altar und opfern; das Opfer gebührt
dem Pfarrer.
An Gebühren sind sonst für die Handlung zu zahlen:
6.-RM für die Amtshandlung selber, 0,50 RM für die Altarlichte,
0,75 RM reines Opfer, alles zur Pfarrkasse, 1,50 RM für Orgelspiel zur
Küstereikasse.
War eine Hochzeit geplant, so wurde diese als "Aufgebot"
sechs Wochen vor dem Termin öffentlich bekannt gegeben - in Form eines
schriftlichen Aushanges am Eingang des Gemeindebüros. Dort befand sich
ein verglaster Kasten, in dem öffentliche Nachrichten für jedermann
ersichtlich ausgehangen wurden. Mindestens zwei Trauzeugen mussten zuvor schon
benannt sein. Das waren häufig Geschwister oder gute Freunde des Brautpaares.
War eine Dorfhochzeit angesagt, so betrug die Anzahl der Gästeschar oft 100 Personen und mehr. Das bezeugen jedenfalls viele alte Hochzeitsbilder noch bis in die fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts.
Ein oder zwei Tage vor der Hochzeit wurde "gepoltert".
Zum Polterabend gab es keine Einladung; da durfte jeder kommen. Üblich
war es vor Betreten des Hauses Geschirr oder andere Gegenstände aus Porzellan
oder Keramik zu zerschlagen unter dem Motto "Scherben bringen Glück".
Glas durfte es aber nicht sein; das bedeutete Unglück und war sicher
auch zu gefährlich. Die Scherben mussten durch die Brautleute noch am
gleichen Abend beseitigt werden und das ganz ohne fremdes Mittun.
Die meisten Geschenke wurden am Polterabend überreicht. Oftmals waren
das Gebrauchsgegenstände des Hausrates. In der Nachkriegszeit, als das
Geld knapp war, taten sich die geladenen Gäste oft zusammen und kauften
gemeinsam ein größeres Geschenk wie zum Beispiel Essservice, Besteckkästen
u.ä.
Schon Tage vor der Hochzeit wurde eine Girlande aus frischem Tannengrün gebunden, um damit am Hochzeitstage die Eingangstür des Hochzeitshauses zu schmücken. Häufig waren Blumen mit eingebunden und über der Haustür ein Schild Herzlich willkommen angebracht.
Nachbarn und Verwandte, die Hochzeitsgäste zum Übernachten
aufnahmen, erhielten schon vor dem Hochzeitstag Kuchen, um damit ihre Übernachtungsgäste
zu bewirten. Butter und Milch wurden dafür von ihnen bereits Tage zuvor
ins Hochzeitshaus gebracht, denn davon benötigte man für solch einen
Tag zum Backen eine große Menge.
In Jänickendorf war es ebenfalls Brauch, dass jeder aus dem Ort geladene
Gast vor der Hochzeit ein viertel Streuselkuchen und ein Stück Reibekuchen
aus dem Hochzeitshaus bekam. Dieser war für die Familienangehörigen
bestimmt, die nicht mit zur Hochzeit geladen waren.
Ebenso war es hier Brauch, dass alle geladenen Gäste ihr eigenes Essbesteck,
eingewickelt in eine Stoffserviette, am Hochzeitstag mitbrachten und dieses
nach Ende der Feierlichkeiten ungesäubert wieder mit nach Hause nahmen
(bis ca 1940; dann gab es die Möglichkeit, sich Geschirr auszuleihen).
Gäste waren neben den Verwandten, Freunden und Nachbarn traditionsgemäß
auch Lehrer, Pfarrer und Bürgermeister.
Bevor es zur Kirche ging, bildeten die eingeladenen Paar am Hochzeitshaus
Spalier für das Brautpaar. Nachdem dieses das Haus verließ, folgten
die Spalier stehenden Paare dem Brautpaar zur Kirche. Die ledigen Gäste
wurden erst hier namentlich aufgerufen und zu Paaren zusammengestellt.
Das Brautkleid wurde meist von der Mutter des Bräutigams finanziert und dann auch mit ausgesucht. Die Brautmutter war überwiegend für das Backen des Kuchens zuständig und wenn zu Hause gefeiert wurde, auch für das sonstige Essen. Eine Hochzeitssuppe mit Eierstich aus feinster Hühnerbrühe bereitet, durfte dann nicht fehlen und auch Hühnerfrikassee war einfach ein Muss. Die Eltern des Bräutigams waren für die Bereitstellung der Getränke verantwortlich.
Das Anblasen der Hochzeit ist unter anderem aus Hennickendorf, auch Jänickendorf bekannt: eine Stunde vor dem Gang zum Standesamt oder zur Kirche wurde jeder Hochzeitsgast bei seinem Eintreffen im Hochzeitshaus von der dort anwesenden Kapelle mit einem Musikstück willkommen geheißen.
Auf dem Weg zum Gotteshaus wurden kirchliche Lieder gespielt. Oft das Lied "Jesus, geh voran ". Nach dem Verlassen der Kirche stand Marschmusik auf dem Plan.
Ihr Interesse an der Hochzeit bekundeten fast alle Dorfbewohner. Sei es mit einem Besuch am Polterabend, der für jeden zugängig war, mit einer Aufmerksamkeit zur Hochzeit oder aber mindestens mit dem Empfang des Brautpaares entlang der Dorfstraße, wenn dieses nach der Trauung aus der Kirche kam. Der Bräutigam gekleidet mit einem schwarzen Anzug oder Frack und gut behütet mit einem schwarzen Zylinder.
Die Braut in einem langen weißen Kleid, auf dem Kopf einen Myrtenkranz, an dem ein oftmals mehrere Meter langer Schleier befestigt war und fein gehäkelten weißen Handschuhen. Die so genannte Schleppe wurde durch kleine Kinder getragen, die hinter dem Brautpaar herliefen. Vor dem Brautpaar gingen die Blumenstreukinder, die den Weg des jungen Paares mit bunten Streublumen aus kleinen Körbchen (die Mädchen) und aus kleinen Füllhörnern (die Jungen) schmückten.Oft gingen noch die Servierfrauen mit einem großen Wäschekorb voran, aus dem sie frisch geschnittenes Tannengrün verstreuten.
Hatte die Braut schon vor der Hochzeit ein Kind, durfte sie nur in schwarz gekleidet ihre Hochzeit begehen und auch keinen geschlossenen Brautkranz tragen.
Der Brautstrauß war bei allen Hochzeiten ein Geschenk des Bräutigams. In Jänickendorf war es einst üblich Brot und Salz im Brautstrauß einzubinden, was dem Wunsche entsprach, dass immer genug zu Essen im Hause des jungen Paares sein möge. In Dümde und anderen Dörfern legten Braut oder Bräutigam Geld in die Schuhe, damit man während der Ehe nie in Geldverlegenheiten kommen könne.
Hier erzählt man auch, dass jeder aus dem Ort geladene Gast vor der Hochzeit ein viertel Streuselkuchen und ein Stück Reibekuchen aus dem Hochzeitshaus bekam. Dieser war für die Familienangehörigen bestimmt, die nicht mit zur Hochzeit geladen waren.
Der 1890 in Jänickendorf geborene Richard Hagen berichtet in seinen 1962/63 nieder geschriebenen Lebenserinnerungen über folgenden Hochzeitsbrauch: Noch um die Jahrhundertwende 1900 wurde der jahrhunderte alte Brauch in Jänickendorf gepflegt, dass jedes Kind des Dorfes ein Stück Kuchen oder eine Semmel aus dem Hochzeitshaus erhielt. Niemand ließ sich den Kuchen oder die Semmel entgehen. Man musste sich aber diese Gaben selbst abholen. So begab sich zum Festhaus, was eben geboren war und jeder kam, der noch zur Schule ging, also als Kind betrachtet wurde. Bei der Größe des Dorfes und der damals reichen Kinderschar kamen teilweise, je nach Jahreszeit, an die 150 Kinder zusammen. Manch kinderreiche Familien konnten nur an solch einem Tag so reichlich Kuchen und Semmeln verzehren wie sonst nie. Bei den Kindtaufen, dem so genannten Kindelbier gab es nur eine halbe Semmel. Dieser Brauch endete in den Jahren des ersten Weltkrieges als alle Lebensmittel teuer erwirtschaftet wurden und lebte danach auch nicht wieder auf.
Vom Pfarrer erhielt das Brautpaar nach der Trauung eine Bibel. Früher befanden sich in der Bibel vorn unbeschriftete Seiten, die für das Eintragen des Namens vom Brautpaar mit Geburts- und Hochzeitsdatum und später für die Namen ihrer Kinder mit Geburtsdatum vorgesehen waren, also eine kleine Familienchronik.
Es wird auch berichtet, dass das Brautpaar nach dem Kirchgang (manchmal auch danach) mit einem Schnäpschen begrüßt wurde, wobei es das geleerte Glas rücklings über seine Schulter warf.
Das Zersägen eines Baumstammes oder das Ziehen eines Bandes, auch Seiles durch die Dorfkinder über die Straße des Ortes, das erst von ihnen entfernt wurde wenn der Bräutigam reichlich Geldstücke darüber warf, ist in vielen Orten unserer Gegend üblich gewesen zum Teil auch heute noch Brauch.
Oftmals wurden Erbsen zu Mittag gereicht, was neues keimendes Leben bedeuten und einen reichen Kindersegen bringen sollte. Heute wird das häufig in Form von rohem Reis gewünscht, der dem Brautpaar beim Verlassen des Standesamtes über die Köpfe geworfen wird.
Die eigentliche Feier begann mit der Kaffeetafel. Danach
zog die ganze Hochzeitsgesellschaft ohne das Brautpaar durchs Dorf. Halt gemacht
wurde jeweils vor den Häusern der anwesenden Gäste. Dort wurde allen
ein Schnäpschen gereicht. Oft zeigte man auch die Räumlichkeiten
des Hauses. Nach diesem Rundgang durch`s Dorf ging es zurück ins Hochzeitshaus.Nun
gab es kulturelle Beiträge für das neu vermählte Paar.
Die Hochzeitszeitung, zusammengestellt von Familienangehörigen oder Nachbarn
war eigentlich ein Muss. Darin wurde in Form von lustigen Reimen über
das Brautpaar und seine Familie berichtet. Kinder aus der Nachbarschaft trugen
Gedichte vor.
Christa Hagen und Sonja Schütze (beide geb. Rasack Jg. 1928 und 1931)
können sich noch gut an folgende Verse erinnern, die sie als Kinder auf
Hochzeiten vorgetragen haben:
Ich bin die kleine Dicke
und wünsche euch viel Glücke.
Ich bin die kleine Hopp, hopp, hopp
und schenke euch `nen Pinkeltopp.
Ihr braucht nicht drüber lachen,
der Bräutigam kann auch rein machen!
Dazu wurde ein Nachttopf, meist bestückt mit einer Bockwurst, dem Brautpaar überreicht.
Ein anderes Gedicht lautet:
Ich komm als kleine Gärtnerin
zu euch, ihr lieben Leutchen.
Und bringe mit herzlich frohem Sinn
einen Blumenstrauß für`s Bräutchen.
Du Bräutigam, brauchst nicht so böse schauen,
weil ich dir nichts gespendet.
Dir hat den schönsten Blumentraum
der liebe Gott gesendet.
Ein weiteres Gedicht:
Einen schönen guten Abend im Hochzeitshaus.
Es grüßt euch hier mein Blumenstrauß.
Es ist ja alles so flimmernd, so hell,
der Bräutigam ist ein hübscher Gesell!
Wäre er zu mir auf die Heirat gekommen,
ich hätte ihn auch gern genommen!
Aber, o nein, ich bin noch zu klein, schon eine Braut zu sein.
So tret` ich mit Freuden zurück
und wünsche der Braut und dem Bräutigam recht viel Glück!
So verging die Zeit unter Gesprächen und lustigen
Beiträgen bei einem Gläschen Wein, Bier oder Schnaps bis die Zeit
zum Abendessen heran war.
Als erstes wurde die Hochzeitssuppe, gefertigt aus Hühnerbrühe,
mit Eierstich verfeinert, gereicht. Danach folgte das Hauptgericht, das aus
verschiedenen Sorten Fleisch, Gemüse und Kartoffeln bestand. Dem folgte
zum Abschluss eine feine Cremspeise oder Pudding.
Nach dem Essen zog die ganze Hochzeitsgesellschaft in die Dorfgaststätte,
wo die Kapelle zum Tanz aufspielte.
Um Mitternacht wurde "abgetanzt". Auch dazu wurden
Gedichte vorgetragen. Der letzte Tanz an diesem Tag fand für das Brautpaar
unter dem abgenommenen Brautschleier statt. Zuvor hatte die Braut statt des
Schleiers eine Schlafhaube aufbekommen und der Bräutigam eine Zipfelmütze.
Der Brautkranz wurde während des Tanzes auf den Schleier geworfen und
meist erklang das Lied "Wir winden dir den Jungfernkranz
"
dazu. Nachdem das neu vermählte Paar mit dem Abtanzen unterm Schleier
begonnen hatte, tanzte anschließend jeder anwesende Bursche mit der
Braut, die Frauen mit dem Bräutigam. Oftmals wurde der Schleier danach
zerrissen. Auch jedes Gästepaar musste noch einmal zusammen tanzen.
Früher verließ das Brautpaar nach dem Abtanzen um Mitternacht die Hochzeitsgesellschaft, um zum ersten Mal gemeinsam die Schlafkammer oder das Schlafzimmer zu betreten. Nur die Brauteltern hatten dann das Recht noch ein Weilchen still und heimlich hinter der verschlossenen Kammertür zu verweilen. Hörten sie nach einiger Zeit still und verhalten oder auch stürmisch ein Glöcklein klingen, das vorher heimlich am Ehebett der neu Vermählten gut versteckt angebracht wurde, dann gingen auch sie befriedigt zur Schar ihrer Gäste zurück. Heute haben die Paare häufig schon längere Zeit vor ihrer Vermählung zusammen gelebt. Meist tritt das neu vermählte Paar per Auto oder Flugzeug oft gleich nach der Trauung die Hochzeitsreise an.
Bei ganz großen Hochzeiten geschah es schon auch einmal, dass über zwei Tage gefeiert wurde. Da gingen die am Vortag geladenen Gäste zum Frühstück erneut ins Hochzeitshaus und feierten ausgelassen weiter. Das war besonders für die schulpflichtigen Kinder eine tolle Sache, denn sie wurden für diesen Tag auch vom Schulbesuch freigestellt.
Zur Hochzeit von Christa Rasack mit Erich Hagen am 25.Mai 1950 wurde am Tag danach die ganze Gesellschaft von Liesegang aus Luckenwalde, bei dem immer die Pferde zum Tränken ausgespannt wurden, auf einen Wagen geladen, auf der Dorfwaage gewogen. Danach ging die Fahrt weiter zu Pfarrer Himmel ins Pfarrhaus um nochmal auf das Wohl des neu vermählten Paares anzustoßen.
In Wittbrietzen und weiteren Orten wurden zur Hochzeit ein
Kinderwagen oder ein Storch auf dem Hausdach der Hochzeiter angebracht, was
baldigen Kindersegen herbeiwünschte.
Aus Jänickendorf wie auch aus Nettgendorf wird berichtet, dass die Braut
nach der Hochzeit vier Wochen lang nicht in das elterliche Haus zurückkehren
durfte. Manche Braut, wie zum Beispiel Erna Hagen verh. Hennig aus Jänickendorf
schlich sich aber während dieser "Sperrzeit" heimlich über
den Hof des Grundstückes zu ihrer Mutter. Sie hatte Glück, denn
zwischen ihrem Elternhaus und der neuen Heimat lagen nur zwei Gehöfte.
Aber auch Aberglauben war oftmals mit im Spiel:
So achteten zum Beispiel alle im Brautzug mit gehenden Gäste oder am Straßenrand stehenden Dorfbewohner streng darauf,, dass sich die Braut nicht umblickte, denn sonst schaute sie sich schon nach einem anderen Mann um und eine Scheidung war damit vorprogrammiert.
Die nächste Braut, der eine Hochzeit schon bevor stand, durfte nicht auf den Schleier der Braut schauen, dann würde ihre Verbindung schon vor der Hochzeit in die Brüche gehen.
War eine Doppelhochzeit angesagt, so sollte auch diese nichts Gutes verheißen. Eines der Paare wäre dann mit Kinderlosigkeit oder anderweitigem Pech gestraft.
Ging während der Trauung in der Kirche eine der brennenden Kerzen aus, verband man das mit den Ohmen, dass in der Familie bald jemand sterben würde.
Viele dieser Bräuche gibt es heute nicht mehr, manche leben nach und nach wieder auf.
Die Sprüche des Aberglaubens aber haben sich schon zu Zeiten ihrer Gültigkeit meist nicht bewahrheitet und wenn dann war es wirklich nur ein böser Zufall.
Wer mehr über alte Sitten und Bräuche aus früheren Zeiten erfahren möchte, muss sich dazu in die Museums-Scheune des Heimat- u. Geschichtsvereins Nuthe-Urstromtal e.V. nach Jänickendorf begeben. Hier können auch Zylinder und weitere alte Hochzeitsbekleidung besichtigt werden.
Weitere Hochzeitsgedichte aus den Jahren um 1950
Klammermädchen
Ich bin das kleine Klammermädchen.
Ich komme aus einem fremden Städtchen,
meine Klammern zu verkaufen.
Hab schon die Füße wund gelaufen.
- Aha, da ist die junge Braut!
Hab mich nach ihr längst umgeschaut.
Ihr will ich zum Andenken
meine schönen Klammern schenken,
damit sie sich an ihren Mann
so richtig fest anklammern kann!
Glückwünsche
Zum Schönsten aller Tage
Stell ich mich bei euch ein,
dass ich mein Sprüchlein sage:
"Ihr sollt stets glücklich sein!"
Schönstes Glück, reichster Segen
sei mit euch auf allen Wegen.
Bis im Abendsonnenglanz
euch grüßt der goldene Myrtenkranz.
Blumenmädchen
Bin ich auch klein, ich will geschwind
und ohne mich zu zieren
den beiden, die vermählt nun sind
recht herzlich gratulieren.
Ich wünsche Glück dem lieben Paar,
will euch das Sträußchen schenken.
Mög gut das Schicksal immerdar
all eure Wege lenken.
Ich sag nicht eher mein Gedicht,
eh sich nicht Braut und Bräutigam küsst.
Dankeschön, auf Wiedersehn,
ich wollt ja nur das Küsschen sehn!
Hochzeitssitten aus dem Kreis Luckenwalde
"Zu jedem Topf findet sich auch ein Deckel" meinten unsere Vorfahren
wenn die Burschen und Mädchen in das Alter kamen, wo sie sich nach der
Frau oder dem Mann fürs Leben umsahen.
Da es damals wie heute nicht immer ganz leicht war, die Richtige oder den
Richtigen zu finden, denn es gab noch keine Disco, musste man nach anderen
Möglichkeiten suchen.
So gab es hier im Kreis Luckenwalde den Jugendmarkt, im Volksmund Heiratsmarkt
auch Moien- oder Schmoienmarkt genannt.
Hier fanden sich die "zukünftigen" Hausfrauen im schönsten
Festtagskleid von weit und breit gekommen, und auch die künftigen Ehemänner
geschniegelt und gebügelt, mit bunten Sträußen am Hut oder
Rockaufschlägen, ein. Blicke wurden getauscht, Scherzworte flogen hin
und her. Einem Tanz folgte unter Umständen ein zweiter und dritter.
Hatten sich Zwei gefunden, die es ernst miteinander meinten, wurde das Aufgebot
bestellt. Am Haus des Gemeindevorstehers war ein Kasten angebracht, in dem
das Vorhaben der Heiratswilligen veröffentlicht wurde. Sie wurden "ausgehangen".
In vielen Dörfern des Kreises war es dann üblich, den Kasten mit
der Anzeige mit einer Girlande zu umkränzen. Wehe aber, es gab böse
Zungen, die behaupteten, dass die Braut schon vorher von verbotenen Früchten
genascht hatte, die nur verheirateten Frauen zustehen, so konnte ihre Girlande
leicht mit einem Strohseil ersetzt werden.
Da die Hochzeit ein Ereignis von weittragender Bedeutung war, musste man sich
auch gründlich darauf vorbereiten. Wollte die Braut glücklich durchs
Eheleben schreiten, kaufte sie sich die Brautschuhe und bezahlte in einzelnen
Pfennigen. Das Hochzeitskleid musste der Bräutigam seiner Auserwählten
schenken. Damit die Braut aber nicht behext werden konnte, wurden von ihr
Steck- oder Nähnadeln in den Rocksaum gesteckt. Statt Myrtenkranz und
Schleier trug die Braut ein kleines Krönchen aus Glasperlen auf dem Haupte.
Zum Hochzeitsfest gehören natürlich auch geladene Gäste. Die
Einladung
erfolgte nicht wie heute per Post, sondern durch Brautdiener. Das waren zwei
junge Männer, die große rote Schürzen trugen und auf dem Rücken
reich mit bunten Bändern geschmückt waren. Mit einem "schönen
Gruß von der Braut und Bräutigam und beiderseits Brauteltern"
überbrachten sie die geschriebenen oder ungeschriebenen Einladungen.
Wohnten die geladenen außerhalb des Ortes, so ritten die Brautdiener
auf geschmückten Pferden, um die Einladungen zu überbringen.
Bevor das Fest herankam wurde gebacken und gebraten, was Küche und Keller
hergaben. Beim Kuchenbacken hielt sich die Braut zurück, denn ein missratener
Kuchen konnte von übler Vorbedeutung für die ganze Ehe werden.
Die Brautmutter aber sorgte dafür, dass Kuchen der verschiedensten Art
in großer Menge vorhanden war, denn wenn die Hochzeitsgäste es
ihr mit den Worten dankten "Kukenwerk ward uppgepackt, dat die Toafel
piept und kracht", sprach sich bald das Lob im ganzen Dorfe herum.
Am Abend war dann Polterabend. Es war der letzte Abend, wo das junge Paar
mit der Jugend ausgelassen sein durfte.
Alles was an Porzellan und Steingut entbehrlich war, wurde von Kindern und
Erwachsenen vor der Tür des Hauses zerpoltert, denn das Poltern vertrieb
die bösen Geister und Scherben sollen ja bekanntlich Glück bringen.
In einigen Dörfern wurden auch Glückspfennige in die Polterscherben
geworfen. Das junge Paar musste gemeinsam die Scherben beseitigen und oft
wurde es als wichtig erachtet, sie an einer Stelle zu vergraben, die nie von
der Sonne beschienen wurde.
Am Tag der Trauung zeigte es sich, dass der Weg zu den Freuden der Ehe nicht
leicht war. Oftmals mussten sich die Brautleute schon loskaufen, ehe sie das
Haus verlassen oder den geschmückten Brautwagen besteigen konnten. Unterwegs
war der Weg zur Kirche oder Standesamt je nach Sitte durch Strick oder Stange
gesperrt was bedeutete, dass der Bräutigam in die Tasche greifen musste
um mit ausgeworfenen kleinen Münzen das Hindernis zu beseitigen.
In manchen Dörfern war es Brauch, dass die Jungen Freudenschüsse
abgaben wenn das Paar zur Trauung ging.
Alle im Brautzug gehenden Gäste oder am Straßenrand stehenden Dorfleute
achteten streng darauf, dass sich die Braut nicht umblickte, denn sonst schaute
sie sich schon nach einem anderen Mann um. Von entscheidender Bedeutung war
aber, wer zuerst die Kirche betrat, hatte von nun an das Regiment im Hause.
In Dümde und anderen Dörfern legten Braut oder Bräutigam Geld
in die Schuhe, damit man während der Ehe nie in Geldverlegenheiten kommen
könne.
Die Jänickendorfer Bräute streuten ihrem noch Verlobten aber heimlich
Pfeffer und Salz in die Hochzeitsschuhe. Beim Hochzeitsmahl nach der Eheschließung
wurden zu den Speisen viele grüne Erbsen gereicht.
In Stangenhagen verstreuten die Gäste Erbsen oder bewarfen das Brautpaar
damit, denn jede Erbse enthält einen Keim für neues Leben.
In Mehlsdorf wurde um Mitternacht eine große Blutwurst verspeist, da
Blut der Träger des Lebens ist.
Vielfältig in seiner Art war auch der Brauch des Abtanzens. Braut und
Bräutigam mussten mit jedem Gast tanzen. Um Mitternacht wurde das Krönlein,
Kranz oder Schleier abgetanzt, nachdem er vom Haupt der Braut gelöst
war.
In Blankensee und Mietgendorf versuchten die unverheirateten Mädchen
ein Stück Schleier zu erobern. Das versprach ihnen auch baldige Hochzeit.
In anderen Orten wurden Schleier und Brautschuhe versteigert. Unbemerkt oder
auch von den Gästen geleitet, verließen nun die jungen Eheleute
das Fest und betraten gemeinsam Schlafzimmer oder Schlafkammer.
Damit nun aber nicht genug der Bräuche. Beim Entkleiden hatte der junge
Ehemann noch einmal die Möglichkeit, die Herrschaft im Hause zu erlangen,
wenn er seine Kleidungsstücke über die seiner jungen Gattin legen
konnte.
Nur die Brauteltern hatten das Recht, noch ein Weilchen still und heimlich
hinter der verschlossenen Kammertür zu verweilen. Hörten sie nach
einiger Zeit, still und verhalten oder auch stürmisch ein Glöcklein
klingen, dann gingen auch sie befriedigt zur Schar ihrer Gäste zurück.
Archivmaterial des Kreisheimatmuseums/Luckenwalde
Ehe, die nach gesetzlichen Vorschriften eingegangene
Vereinigung eines Mannes und Weibes zur lebenslänglichen und ungetheilten
Gemeinschaft aller Lebensverhältnisse. Das tridentinische Koncil (1563)
erforderte zur Gültigkeit der Ehe Konsenserklärung vor dem Pfarrer
und vor 2 oder 3 Zeugen, woran sich dann die kirchliche Trauung anschließen
sollte, welche auch in das protestantische Kirchenrecht überging.
Gegenwärtig findet jedoch das Institut der Civilehe grosse Verbreitung,
d.h.die durch Konsenserklärung der Brautleute vor weltlichen Staatsbeamten
(Civilstandsbeamten) mit rechtlicher Wirksamkeit eingegangene Ehe, und zwar
Notcivilehe, wenn die bürgerliche Ehe nur ausnahmsweise stattfindet,
falls die kirchliche Trauung nicht erlangt werden kann, wie z.B. nach dem
Gesetz vom 25.Mai 1868 in Oesterreich für die sogenannten Konfessionslosen,
facultativeCivilehe, wobei den Brautleuten zwischen kirchlicher und bürgerliche
Eheschliessung die Wahl gelassen wird, wie in England für die Angehörigen
der Staatskirche, und obligatorische Civilehe , wenn die bürgerliche
Gültigkeit der Ehe von der Konsenserklärung vor dem Standesbeamten
abhängt, die unter allen Umständen der kirchlichen Trauung voran
gehen muss, wie in Frankreich, in England für die Dissenters und nach
dem Reichsgesetz vom 6.Februar 1875 auch in Deutschland.
Ehehindernisse sind, abgesehen von Zwang, Irrtum und Betrug, nach diesem Gesetz
Mangel der Ehemündigkeit (bei Männern 20, bei Weibern 16 Jahre),
der Einwilligung des Vaters, solange der Sohn das 25., die Tochter das 24.
Lebensjahr nicht vollendet hat, der Mutter, wenn kein Vater vorhanden, und
bei Minderjährigen des Vormunds. Ferner ist Witwen der Abschluss einer
anderweiten Ehe vor Ablauf des 10. Monats nach Beendigung der vorigen Ehe,
und Vormündern und deren Kindern die Ehe mit den Pflegebefohlenen der
ersten untersagt.
Weitere Ehehindernisse sind: Verwandtschaft in auf- u. absteigender Linie,
das Verhältnis zwischen voll- u. halbbürtigen Geschwistern, zwischen
Stiefelten und Stiefkindern, Schwiegereltern und Schwiegerkindern und zwischen
Adoptiveltern und Adoptivkindern.
Auch ist die Ehe zwischen einem wegen Ehebruchs Geschiedenen und einem Mitschuldigen
untersagt.
Sonstige Ehehindernisse konfessioneller (Priesterweihe) und polizeilicher
Natur sind durch die Reichsgesetzgebung beseitigt.
Trennung einer rechtsgültigen Ehe durch Richterspruch oder aus landesherrlicher
Machtvollkommenheit (Ehescheidung)
Ist nur aus bestimmten Ehescheidungsgründen zulässig, wie Lebensnachstellung,
Unfruchtbarkeit der Frau, entehrende Strafen, Ehebruch(s.d.) ectc.
Die sog. morganatische Ehe oder Ehe zur linken Hand kommt nur beim hohen Adel
vor.Über die Wirkung der Ehe auf die Vermögensrechtsverhältnisseder
Ehegatten s. Güterrecht der Ehegatten. Vgl. Stölzel Deutsches Eheschließungsrecht
83, Auflage 1876
Alte Sitten und Bräuche um die Weihnachtszeit und zum Jahreswechsel
Wenn es früher in Jänickendorf auch nicht
so eine farbenfrohe und abwechslungsreiche Beleuchtung um die Weihnachtszeit
gab wie heute, so waren trotzdem schon zur Zeit unserer Eltern und Großeltern
bestimmte Sitten und Bräuche zu diesem Fest üblich. Der erste geschmückte
Weihnachtsbaum wurde 1510 in Lettland aufgestellt. Das Lametta wurde erst
100 Jahre später, nämlich 1610 in Deutschland erfunden.
Lichter während der Adventszeit anzuzünden ist ein alter Brauch. Allerdings keine elektrischen Kerzen, die wurden übrigens 1882 in den USA patentiert, sondern die Wachskerzen erfüllten lange Zeit - noch heute - diesen Zweck.. Da diese früher sehr teuer waren, kamen die Kerzen nur an den vier Adventsonntagen und am geschmückten Tannenbaum zum Leuchten. Hatte die Hausfrau dazu die finanziellen Mittel, Plätzchen oder Weihnachtsstollen zu backen, stand der festlichen Vorweihnachtsstimmung nichts mehr im Wege. Übrigens ist die erste Erwähnung der Stollenbäckerei im Jahre 1306 in Naumburg/Deutschland zu finden. Spezielle Weihnachtskekse wurden erstmals 1841 in England hergestellt.
Auch Weihnachtsfeiern wurden früher in unserem Dorf durchgeführt. Diese fanden im großen Saal der ehemaligen Gaststätte von Rasacks in der Dorfmitte statt. Dazu übte Lehrer Stiebitz, später die Lehrerin Frau Schneider, kleine Theaterstücke und Weihnachtslieder Stille Nacht, heilige Nacht war 1818 erstmals in Österreich zu hören - mit den Dorfkindern ein und sie führten zur Adventsfeier das kleine Kulturprogramm vor. Einige Eltern backten dazu Kekse und Pfefferkuchen oder sammelten Kuchen im Dorf . Die Kinder zogen festliche Kleidung an. Stolz waren besonders die kleinen Mädchen, dass sie aus diesem Anlass weiße Kniestrümpfe tragen durften. Nun wurde auch die gute alte Brennschere erhitzt, um die Haare in eine Lockenpracht zu verwandeln.
Die Person des Weihnachtsmanns tritt erstmals 1905 in Kanada als Santa Claus in Erscheinung. In Jänickendorf spielte Fritz Bethin den Weihnachtsmann. Er überreichte den Kindern kleine Geschenke, die von Jugendlichen in dem bis 1945 existierenden Jugendheim, dem Holländer gebastelt wurden. Dort werkelte auch Herr Hauke mit Holz. Besonders die Jungen schnitzten und sägten daraus hübsche Gegenstände. Die Senioren berichten zum Beispiel, dass Manfred und Siegmund Bölke auf diesem Gebiet besonders emsig und talentiert waren und zur Weihnachtszeit unter dem Torhaus ihres Grundstückes selbst geschnitzte Krippen, kleine Tierfiguren und ähnliches ausstellten.
Gemeindeschwester Erna setzte sich ebenfalls mit den Kindern des Dorfes zusammen, um mit ihnen zu basteln und zu sticken.
Am Heiligen Abend ging die Familie bei Glockengeläut gemeinsam zum Gottesdienst in die Kirche. Zuvor musste aber das Vieh fertig versorgt sein an diesem Tag mit einer doppelten Ration Futter. Nach dem Kirchgang gab es hier in Jänickendorf nicht etwa den heute üblichen Gänsebraten oder Weihnachtskarpfen. Nein, auf den Tisch kamen am Heiligen Abend Mohnpielen. Das ist eine Speise aus Mohn, Milch oder Sahne, Zucker und Semmelbrocken. Zuerst wurde der Mohn in der Reibesatte fein zerrieben und die Semmelbrocken eingeweicht. Dann kamen der geriebene Mohn, die Semmelbrocken und Zucker im Wechsel in eine Schüssel. Anschließend wurde alles mit heißer Milch übergossen. Diese Mischung blieb einen Tag stehen bis sie gut gekühlt am Weihnachtsabend auf den Tisch kam. Soviel Mohnkörnchen - soviel Geld - sollten die Leute im kommenden Jahr haben.
Nach der Mahlzeit fand die von den Kindern schon sehnlich erwartete Bescherung statt. Eigentlich wussten sie schon, was der Weihnachtsmann bringen wird. Nicht etwa, dass sie vorher neugierig waren und die Geschenke in ihren Verstecken entdeckt hatten, sondern jedes Jahr gab es die alte Puppenstube, Eisenbahn oder den Kaufladen wieder. Aber immer war davon irgendetwas erneuert. In der Puppenstube vielleicht einige Möbel oder ein anderes Püppchen, bei der Eisenbahn vielleicht die Bäume oder gar eine neue Lokomotive. Der Kaufmannsladen war auf jeden Fall mit frischen Naschereien gefüllt. Die Vorfreude auf die alten Geschenke war trotzdem groß, weil sie in den meisten Familien nach vier Wochen vom Weihnachtsmann wieder abgeholt wurden und bis zum nächsten Fest ihr Dasein auf dem Hausboden fristeten. Natürlich gab es auch noch andere kleine Geschenke. Oma strickte neue Socken, Handschuhe oder einen Schal. Die Gaben waren eben nützlich das Geld war knapp.
Ein Familienmitglied, meist der Vater, spielte den Weihnachtsmann. Sein Fehlen während der Bescherung wurde damit begründet, dass er noch im Stall zu tun hätte.
Bei Familie Emmermacher schlüpfte auch einmal die Oma in das Kostüm des Weihnachtsmannes. Gut verkleidet und die Stimme bestens verstellt, fiel das auch keinem auf. Doch als die Weihnachtsfrau weg war, stellte eines der Kinder fest, dass der Weihnachtsmann doch die gleichen Ohrringe gehabt hat wie die Oma!
War die Verwandtschaft groß, wurde jedes Jahr bei einem anderen Familienmitglied gemeinsam der Heilige Abend gefeiert.
Quirl
Üblich war es, den Tannenbaum bis zum 6. Januar, Allerheiligen, stehen
zu lassen. Danach wurde er aber nicht einfach so entsorgt wie das heute üblich
ist. Nein, er diente noch einem nützlichen Zweck. Die Männer schnitzten
von der Spitze des Tannenbaumes einen Quirl für die Hausfrau. Vom unteren
stärkeren Ende wurde ein dickerer Quirl angefertigt, der zur Hauptschlachtzeit
im Februar zum Blutquirlen genutzt wurde. Erst dann erfüllte der trockene
Baum seine eigentliche Aufgabe, nämlich die Stube zu erwärmen.
Auch der Aberglauben spielte früher in der Weihnachtszeit eine nicht unbeachtliche Rolle. So durfte zwischen Weihnachten und Neujahr keine Wäsche zum Trocknen aufgehängt werden, sonst würde man für einen Angehörigen das Totenhemd vorbereiten. Wer an diesen Tagen Mist vom Hofe fuhr, der setzte sich damit der Gefahr aus, sein Glück vom Hofe zu fahren. War das Wetter zu dieser Zeit besonders stürmisch, würden die Obstbäume im kommenden Jahr keine Früchte tragen.
Silvester war ebenso mit einigen Bräuchen verbunden. Hier war besonders
das Bleigießen angesagt. Aus den daraus entstehenden Figuren deutete
man Ereignisse fürs kommende Jahr. Bei Familie Schütte wurde einmal
Blei ins Wasser gegossen, was zur Bildung kleiner Kügelchen führte:
der Sohn wurde im neuen Jahr eingezogen.
In der Gaststätte Zur Eisenbahn organisierte der Sportverein alljährlich zu Neujahr ein Vergnügen. An diesem Tag zeigten die Geräteturner des Dorfes der Öffentlichkeit ihr Können. Anschließend fand für alle Anwesenden der Tanz ins neue Jahr statt.
Sitten und Bräuche gab es zu jeder Zeit. Manche gehen verloren, andere leben wieder auf oder es entstehen, bedingt durch die Veränderungen der Lebensbedingungen sowie den Fortschritt in Wissenschaft und Technik, neue Sitten und Bräuche.
Hausschlachtung
Augenzeugenbericht von Jänickendorfer Senioren am 27.April 2011
Geschlachtet wurde früher nur in den Wintermonaten.
Gründe dafür waren mehr Freizeit durch die fehlende Feldarbeit und
vor allem auch die kalte Witterung, denn Kühltruhen oder Kühlschränke
gab es zu jener Zeit noch nicht. Alles, was länger aufbewahrt werden
sollte, musste in "Erdkellern" aufbewahrt oder auf andere Art und
Weise haltbar gemacht werden. Oft wurde auch zweimal geschlachtet. "Schlachtmonate"
waren November, Januar, Februar bis März. Große Familien schlachteten
oft zwei Schweine oder auch ein Rind und ein Schwein zusammen.
Obwohl das Schlachten mit viel Arbeit verbunden war, war die Stimmung an den
Tagen der Vorbereitung und dem eigentlichen "Schlachtfest" irgendwie
festlich. Lag es daran, dass die ganze Familie in die Arbeit eingebunden wurde,
dass am Schlachttag trotz der vielen Arbeit Zeit für Gespräche in
großer Runde war oder das gespannt sein, ob auch alles gut gelingen
würde?
Schon Tage vor dem eigentlichen Schlachttermin ging es im
Bauernhaus emsig zu. Viele Zutaten und Geräte gab es zu besorgen und
zu reinigen:
Holzmolle, Schlachtleiter, Einweckgläser, Steintöpfe, Waschkessel,
Holzbretter, Kuchenbleche und die gesamte Waschküche mussten gründlich
gereinigt werden.
Gewürze, Blechbüchsen, Weißbrote standen auf dem Einkaufszettel,
wenn `s in die Stadt ging. Der Fleischbeschauer musste bestellt werden.
Nach den Kriegsjahren 1945 war es Pflicht, einen Schlachtschein zu beantragen.
Wer zum Beispiel nach 1945 bis in die 50-er Jahre ohne solch einen Schein
schlachtete und erwischt wurde, dem drohte eine Gefängnisstrafe. Ebenfalls
war es zu jener Zeit Pflicht, das Schweinefell abzuliefern.
Das eigentliche Schlachten begann 7.00 Uhr morgens. Aber
für den Bauer oder die Bäuerin war die Nacht schon 5.00 Uhr an solch
einem Tag zu Ende, denn der Kessel musste angeheizt werden, damit das Wasser
zum Brühen des Schweins zur rechten Zeit auch heiß genug war.
Am Abend vor dem Schlachten bekam das Schwein kein Futter mehr, denn die Därme
mussten ja leer sein.
War der Fleischer eingetroffen, wurde das Schwein an einem Strick aus dem
Stall geführt.
Sicher ahnte das Schwein, dass es sich auf seinem letzten Weg befand. Jedenfalls
passierte es einmal, dass Betthins Eber (Alte Hauptstraße) auf seinem
letzten Weg den Geruch von Schüttes Sau (Schlenzer Straße) wahrnahm
und sich dem Fleischer entriss. Aber alles half nichts. Er wurde wieder eingefangen
und landete wie vorgesehen auf der Schlachtleiter.
Die
Läufe des Schweins schnürte man vor dem Abstechen zusammen, um so
Blutverlust durch heftige Bewegungen zu vermeiden.
Das Töten erfolgte vor 1945 mit einem an einer Axt befestigten Dorn,
mit dem der Fleischer auf den Kopf des Schweins schlug. Später nahm man
dazu eine extra dafür gefertigte Holzstange mit einem Eisen. Am Ende
des Eisens wurde ein Loch gebohrt, durch das ein Nagel gesteckt war. Eine
Person hielt diese Stange, damit der Fleischer darauf schlagen konnte. Dazu
musste der Kopf des Schweins nach oben festgebunden werden, um ihn unbeweglich
zu machen. Nach 1945 benutzte der Fleischer zum Töten des Schweins ein
Bolzenschussgerät, bevor er es abstach.
Sofort nach dem Abstechen wurde das linke Bein in Richtung Brust hoch gehalten.
War das Schwein fast ausgeblutet, pumpte man mittels Hin- und Herbewegen des
Beines noch das letzte Blut aus dem toten Körper.
1970 Fleischer Liefeldt u. Manfred Bölke beim Blutauffangen
Meist
war es die Aufgabe der Bäuerin, das ausströmende Blut aufzufangen
und tüchtig zu rühren, denn es durfte ja beim Erkalten nicht gerinnen.
Sollte das Leder Verwendung finden, wurden diese Teile des
Schweins auf der Schlachtleiter mit dem Messer eingeschnitten. So die Bauchpartie
bis zur ersten Zitze, Beine und Kopf, also die Teile, die nicht zur Lederverarbeitung
genutzt werden. Dann wurde mit Hilfe von kochendem Wasser aus Eimern das "Lederstück"
gebrüht. Die Borsten mussten hierbei nicht entfernt werden.
Sollte die Haut nicht als Leder verarbeitet werden, kam das Schwein in den
Brühtrog zum Brühen. Dann entfernte der Fleischer auch mit Hilfe
einer "Glocke" die Borsten. Hing das Schwein erst einmal auf der
Schlachtleiter, gab es den ersten Umtrunk nach dem alten Spruch: Wenn das
Schwein auf der Leiter hängt, dann wird einer eingeschenkt.

Öffnen des Schweins zum Ausschlachten
Nun wurde das Schwein aufgeschnitten, ausgenommen und in Einzelteile zerlegt.
Kopf und Bauchfleisch landeten als "Wellfleisch" im Kessel, ebenso
Nieren und Leber.
Fleischer Ferdinand Horn und Bäuerin Erna Bölke um 1942 beim Ausschlachten des Schweins
Von Bauchspeicheldrüse und Filetstück legte der
Fleischer eine kleine Probe für den Fleischbeschauer beiseite. In Jänickendorf
hat diese Tätigkeit lange Zeit bis in die 1950-er Jahre Johann Knorr
ausgeführt. Wurde am Wochenende geschlachtet, verlangte er die doppelte
Gebühr für die Fleischbeschauung.
War das Fleisch in Ordnung, also wurden keine Trichinen oder andere Beeinträchtigungen
festgestellt, konnte erst einmal gefrühstückt werden. Jetzt kam
das im Kessel Gekochte auf den Tisch - Wellfleisch, Nieren und Leberstücken.
Mit dem Anbieten der Innereien geizte der Fleischer gern, da er diese ja auch
für die Wurstzubereitung benötigte. Um alles gut zu verdauen durfte
jetzt ein weiteres Schnäpschen nicht fehlen.
Nun wurden die ausgeweideten Därme gereinigt. Dazu wendete man diese, um sie mehrmals ordentlich mit Salz und Essig einzureiben. Sämtliche Rückstände mussten beseitigt sein, da sonst die Wurst nicht schmeckt.
Die Liesen kamen zum Trocknen auf Kuchenbleche. Die davon
abgezogene Haut ist wie eine ganz dünne Folie. Diese nähte man zusammen,
um sie zum Stopfen der Bratwürste zu verwenden.
Die Knochen "pökelte" man, das heißt sie wurden kräftig
eingesalzen und so in einem Steintopf aufbewahrt.
Kleingeschnittenes und durch den Wolf gedrehtes Fleisch, Blut, Leber, Semmeln
und entsprechende Gewürze vermischte der Fleischer nun zu den verschiedenen
Wurstsorten.
Für den Geschmack war letztendlich die Hausfrau verantwortlich. Ihre
Aufgabe war es, die zubereitete Wurstmasse abzuschmecken und dem Fleischer
die Zugabe weiterer Gewürze zu empfehlen oder sie als gut zu bewerten.
War die Wurstmasse in Därme gefüllt, landete Blut- und Leberwurst
im Kessel zum Kochen. Nun musste darauf geachtet werden, dass das Feuer nicht
zu heftig war, denn die Würste durften nicht platzen. Wurde eine Temperatur
um 80 o gehalten, war das in Ordnung. Besonders schmeckte die Wurstbrühe
aber, wenn einige Würste geplatzt waren und dadurch die Brühe nicht
so dünn war.
Ein Teil des Fleisches kam gut eingesalzen ins Pökelfass und war so lange
Zeit haltbar.
In so ein Fass kamen ebenfalls Speck und Schinken und wurden darin täglich
mit Salzlauge begossen: Speck 14 Tage, Schinken 4 Wochen. Es durften aber
keine Knochen mehr im Schinken sein, da sonst die Gefahr bestand, dass sich
Maden reinsetzten. Nach 4 Wochen rieb man den Schinken ordentlich mit Pfeffer
ein und hängte ihn zum Trocknen auf.
Eine alte Bauernregel sagt:
" Wenn der Kuckuck im Frühjahr ruft, darf der erste Schinken angeschnitten werden".
Dünne Kochwürste wurden zwei Tage getrocknet, um
sie danach auf Holzstangen in die Räucherkammer zu hängen. Geräuchert
wurde am besten mit Pflaumen- oder Buchenholz. Eine Räucherkammer befand
sich in jedem Haus, meist auf dem Spitzboden unterm Dach. Zum Räuchern
kamen kleine Holzstücke in einen Zinkeimer. Diese wurden angezündet.
Begannen sie zu glühen, kamen die genannten Späne darüber.
Der dadurch entstehende Rauch stieg nach oben, die Würste wurden "geräuchert".
Blutwurst kam meist in den Dickdarm, Sülzwurst in den gereinigten Magen.
Beides musste gut gepresst werden, damit sich keine Luft ansammeln konnte,
denn sonst bestand die Gefahr, dass die Wurst zu schimmeln begann.
Sülzwurst fertigte man aus Eisbein, Spitzbein und Schweinekopf. Sie wurde
auch gekocht.
Die Bratwürste mussten in den dünnen Liesen langsam trocknen. Ab
und zu wurde sie zwischendurch feucht abgewischt.
Topfwurst kam in Steintöpfe. Sie bestand aus Blutwurst mit reichlich
untergemischter Semmel.
Die ausgebratenen Liesen bewahrte man als Fett in Steintöpfen auf. Die
Grieben ("Krappen") der Liesen schmeckten auf einer Stulle oder
der Topfwurst beigefügt sehr gut. Auch frisches Hackepeter kam oftmals
in Steintöpfe, wurde mit Schmalz übergossen und dadurch luftdicht
abgeschlossen. So konnte auch noch Tage nach dem Schlachten frisches Hackepeter
verzehrt werden.
Wurst wurde auch in Gläsern oder Büchsen haltbar gemacht. Hackepeter,
Blut- und Leberwurst - auch Wurstbrühe - kamen in Einweckgläser
und mussten möglichst noch am gleichen Tage eingekocht werden. Die in
Büchsen abgefüllte Wurst ließ man meist bei "Pflanze"
(Autowerkstat) oder Domerhagk (Dorfschmied) verschließen. Mit einem
"L" für Leberwurst, "B" für Blutwurst usw. kennzeichnete
man den Deckel, um Kenntnis über den Büchseninhalt zu haben. Mit
einer speziellen Büchsenverschlussmaschine konnten schon einmal genutzte
Büchsen am Rande begradigt (abgeschnitten) werden und so noch ein weiteres
Mal Verwendung finden.
Streng wurde darauf geachtet, dass die weiblichen Helfer am Schlachttag nicht
ihre Regel (Menstruation) hatten. Es heißt, dass dann nämlich die
eingeweckte Wurst sich nicht haltbar wäre.
Seinen Abschluss fand das Schlachtfest gegen Abend mit einem
gemeinsamen Essen. Alles, was an diesem Tag hergestellt wurde, kam auf den
Tisch. Dazu gab es neben der frischen Blut- und Leberwurst sowie Hackepeter
und Wurstbrühe auch warmes Essen in Form von Schnitzeln, Buletten, Kartoffeln
und Gemüse. Natürlich waren auch jetzt zur besseren "Verdauung"
ein oder auch mehrere Schnäpschen einfach ein Muss.
Oft war es so, dass der Fleischer lieber Kaffee und Kuchen zu sich nahm, denn
er war ja während der Wintermonate häufig zum Schlachten und hatte
deshalb eher Verlangen nach etwas Süßem.
Brauch war es auch, den Nachbarn eine Kanne Wurstbrühe, Wellfleisch, etwas Hackepeter sowie je einen kleinen Ring Blut- und Leberwurst zu bringen. Dadurch hatte man die Gelegenheit öfter mal frisch Geschlachtetes essen zu können, denn geschlachtet wurde früher auf jedem Gehöft.
Zufrieden, dass alles geschafft und hoffentlich gut gelungen war, aber völlig erschöpft suchten wohl alle am Schlachten Beteiligten zu nicht zu später Stunde ihre Schlafstätten auf.
Gisela Bölke
Federnreißen um
1900
Erlebnisbericht von Jänickendorfer Senioren am
18.Mai 2011
Die Gänse wurden oft zweimal in ihrem Dasein gerupft. Das erste Mal in
lebendem Zustand. Dabei nahm man meist nur die Brustfedern - die Daunen. Die
besten Federn lieferten die kleineren Gänse, sie hatten mehr Daunen.
Das zweite Rupfen der Gans erfolgte nachdem sie geschlachtet war. Es gibt
ein altes Sprichwort: "Wegen einer Feder muss ein Mädchen über
sieben Zäune steigen".
Das soll ausdrücken, wie viel Mühe es kostet, Federn für ein
großes Deckbett zu sammeln.
Geschlachtet
wurden die Gänse meist im Dezember. Der Gänsebraten war der weihnachtliche
Festbraten. Außerdem hatten die Tiere zu dieser Zeit wegen der kalten
Witterung die meisten Flaumfedern angesetzt.
Zum Töten fasste der Bauer die Gans beim Schnabel, drückte diesen
nach vorn, um die Federn für die Einstichstelle - eine sich am Kopf befindende
Delle - zu entfernen. Dazu klemmte er den Gänsekörper zwischen seine
Beine. Das Tier sollte sich nicht bewegen können. Dann wurde es mit einem
scharfen, spitzen Messer abgestochen. Der Kopf wurde verbunden, um die Federn
nicht mit Blut zu beschmutzen. Dadurch sollte verhindert werden, dass sich
beim Lagern bis zum Federnreißen Motten oder Maden in die gesammelten
Federn setzen. Nachdem der Körper richtig ausgeblutet war, wurde die
Gans "gerupft", das heißt, die Federn mit der Hand ausgerissen.
Rupfte sich die Gans nur schwer, so dass dabei die Haut einriss, was meist
bei männlichen Tieren, den Erpeln zutraf, griff die Bäuerin zu einem
Hilfsmittel: sie bügelte die Gans. Dazu legte man ein feuchtes Tuch auf
den Gänseleib und bügelte mit einem heißen Bügeleisen
darüber. Dabei war es aber nötig, dass die Federn erst getrocknet
wurden, bevor sie zum Aufbewahren in gut verschlossenen Papiertüten auf
den Boden kamen. Waren alle Federn entfernt, wurden die Stoppeln in mühsamer
Arbeit mit der Hand ausgerupft. Nun musste die Gans noch gesengt werden. Dazu
zündete man in einem Schälchen Spiritus an und hielt den Körper
über die offene Flamme, um auch noch die letzten Stoppeln und die langen
Einzelhaare wegzubrennen. Später, als die Haushalte mit Gasherden ausgestattet
waren, war das Sengen nicht mehr so aufwendig und vor allem nicht so gefährlich.
Denn böse Erfahrungen hatte Jänickendorf mit dem Sengen der Gänse
schon einmal gemacht: So brach am 19. Juli 1779 in der Ernte bei dem Bauern
Hönicke durch Unvorsichtigkeit bei dem Absengen einer gerupften Gans
ein Feuer aus, wobei 20 Bauern, 6 Kossäten und 11 Büdner nebst Kirche
( die Glocken wurden eingebüßt), Pfarre und Schule abbrannten.
War die Gans gesengt, wurde diese gründlich gewaschen
und aufgehängte. Durch das Aufhängen am Halse ließen sich
später die Innereien besser ausnehmen. Von der ausgenommenen Gans wurden
Leber und das aufgefangene Blut gebraten und zum Abendbrot auf einer Stulle
oder als Beilage zu Kartoffeln gegessen.
Das eigentliche Federnreißen - auch Schleißen
genannt - fand nach Fastnacht, also im Februar statt. Dadurch war genügend
Gesprächsstoff für diesen langen Nachmittag bis in den Abend hinein
vorhanden. Schon alleine wegen der neu zu hörenden Ereignisse und Begebenheiten
aus der Umgebung gaben die Frauen gern ihre Zusage zur Teilnahme am Federnreißen.
Man sagte:
Wenn gute Reden sie begleiten dann fließt die Arbeit munter fort.
Meist ging es gleich nach dem Mittagessen los. Zum Kaffee gab es frisch gebackenen
Blechkuchen und natürlich auch Fastnachtspfannkuchen, gefüllt mit
selbstgerührtem Pflaumenmus.
Frauen aus der Nachbarschaft und gute Bekannte wurden zum Helfen eingeladen.
War bei denen dann Federnreißen angesagt, half man ihnen ebenso. Bekleidet
waren sie mit Kopftüchern und Sachen, die keine Federn anziehen.
Die Bäuerin hatte die Papiertüten mit den Federn darin zuvor auf
dem geheizten Ofen angewärmt, was das Reißen wesentlich erleichterte.
Ein großer Tisch kam in die Küche. Die Frauen setzten sich ringsum
und die Federn wurden darauf ausgeschüttet. Nun begannen sie die Feder
zu reißen. Hastige Bewegungen oder gemeinsames Singen mussten vermieden
werden, um ein Herumfliegen der Federn zu verhindern.
Frauen aus Holbeck beim Federnreißen
Kleine Federn werden dabei von oben angerissen; bei
größeren Federn wird der Kiel entfernt. Beim Reißen sortieren
die Frauen die Federn auch gleichzeitig: mit den besseren Federn - den Daunen
- stopft man die Federbetten, die anderen nimmt man zum Stopfen von Sofakissen.
Meist wurde auch ein neues Inlett für die neuen Federn gekauft. Fehlte
es aber an Geld oder hielt man das alte noch für gebrauchsfähig,
rieb man dieses von der Innenseite einfach mit Wachs ein. Das verhinderte
das Durchstechen der Federn durch den Stoff.
Manchmal passierte es, dass sich junge Burschen einen "Spaß"
erlaubten, indem sie einen Vogel fingen und diesen in der Küche frei
ließen. Das hatte natürlich zur Folge, dass die auf dem Tisch liegenden
Federn wild umherflogen und die Frauen doppelte Arbeit hatten. Entsprechend
haben sie auch auf die Jugendlichen geschimpft. Die Kinder riefen darauf:
"Wenn die Bäuerin ruft ich soll weitergehen, bleibe ich erst recht
lange stehen."
War man mit dem Federnreißen fertig, wurde noch gemeinsam gegessen.
Es gab Kaffee und Kuchen, oft auch Kartoffelsalat und Bockwurst. Manch einer
wird sich nun fragen, was die Männer während dieser Zeit gemacht
haben? Entweder trafen sie sich im Gasthof zu einem gemeinsamen Bier oder
sie saßen nicht weit weg von den Frauen und schnitzten aus den aufbewahrten
Weihnachtsbaumspitzen Quirle für die Hausfrau. Aber in Jänickendorf
war wohl Ersteres mehr der Fall.
Gisela Bölke
Holzeinschlag
um 1900 - Nach Erzählungen Jänickendorfer Senioren Juli 2011

Wald gehörte in unserer Gegend
früher zu jeder Bauernwirtschaft, da ein Landwirt mit einer Familie bei
den kargen Böden ohne Walderträge kaum überleben konnte. Der
Wald musste neben der Arbeit im Stall und auf dem Feld auch noch bewirtschaftet
und gepflegt werden.
Der Holzeinschlag erfolgte hauptsächlich während der Wintermonate.
Holzeinschlag und notwendige Pflegemaßnahmen wie z.B. Durchforstung,
die Brennholzaufbereitung zum Eigenbedarf für mindestens ein Jahr Vorrat,
wurden jetzt erledigt, da zu dieser Jahreszeit auf Acker und Wiese kaum Arbeiten
anfielen oder möglich waren.
Vor dem Schlagen wurde das entsprechende Holz für den Eigenbedarf ausgesucht
und zum Einschlag gekennzeichnet. Das betraf in erster Linie trockenes Holz
bzw. solches, was ausgelichtet werden musste. Auslichten heißt, dass
Platz gemacht wurde, um Licht in den Wald zu lassen, damit sich die Bäume
kräftig entwickeln können. Das nennt man "grünen"
Kahlschlag.
Holz wurde auch zum Verkauf geschlagen. Zwischen 1945 und 1960 gab es eine
Pflichtablieferung von Holz.
Beim Schlagen des Holzes wurde nach seiner späteren Verwendung zwischen
Brennholz und Nutzholz unterschieden. Die "Alten" sagen, dass man
beim Holzschlagen dreimal ins Schwitzen kommt: beim Holen - beim Zerkleinern
- und beim Heizen.
Bis Ende des 20.Jhdts. wurde das Holz vorrangig noch manuell
geschlagen und transportiert. Das war eine sehr schwere und zeitintensive
Arbeit.
In den zu fällende Baum wurde kurz über dem Erdboden in die Fallseite
ein Keil mit der Axt eingeschlagen. Auf welcher Seite war von der Hangrichtung
des zu fällenden Baumes und vom Platz zwischen den in der Nähe stehenden
Bäumen abhängig. Die Fallrichtung konnte auch noch durch Vorschneiden
rechts oder links etwas korrigiert werden. Dann knieten sich zwei "Mann"
(auch Frauen und Mädchen wurden in die Arbeit mit einbezogen) auf den
Boden und begannen den Stamm mit einer Schrotsäge kurz über dem
Boden abzusägen. Mancher befestigte ein Seil am Baum. Das war eine Hilfe,
um den Baum beim Fallen in die richtige Richtung zu lenken. Blieb der gefällte
Baum dennoch in der Krone hängen war er nur noch durch erhöhten
manuellen Aufwand und unter erheblicher Gefahr für die Holzfäller
zum Fallen zu bringen. Nicht selten kam es dabei zu Verletzungen.
Lag der Baum am Boden, begann das "Ausknüppeln" oder "Ausästen".
Darunter versteht man das Abschlagen der Äste mittels einer Axt. Grüne
Äste und Zweige wurden oftmals gleich vor Ort eingebunden. Man legt dazu
ein Bündel Reisig auf den Boden, kniet sich darauf und verschnürt
das so zusammengepresste Reisig mit Stroh.
Nur wenige waren in Besitz eines Reisigbindegerätes (auch Reisigpresse
genannt) in welches man eine Schnur einlegt, worauf dann die grünen Tannenzweige
kommen. Ähnlich wie eine Schere schließt man das aufgeklappte Gerät,
wodurch die Zweige zusammengepresst werden. Die Schnur wird verknotet und
ein Bund Backholz zum Brotbacken im Lehmbackofen, der sich auf fast jedem
Gehöft befand, ist fertig.
![]() |
![]() |
| Reisigbindegerät geöffnet | geschlossen |
Solch ein Gerät hatten aber nur wenige Waldbesitzer. Die meisten mussten sich auf herkömmliche Weise, also auf das Reisig kniend, ihr Backofenreisig binden.
![]() |
![]() |
| Aufladen von Reisigbündel 1960 | Fuhre mit Reisigbündeln |
Auch in den "Kuscheln" (Schonung) wurde oft schon
einmal durchforstet. Die so gewonnenen Stangen mit Zweigen nutzte man als
Faschinen zur Uferbefestigung an Gräben und Teichen.
Grubenholz schnitt man in 2 m Länge. Ebenso wie Bauholz wurde dieses
grundsätzlich gleich nach dem Fällen noch im Wald ausgeästet
und mit einem Schäleisen per Handarbeit die Rinde entfernt, um die Qualität
des Holzes zu erhalten. Dadurch wird Schädlingsbefall und Blaufärbung
am Holz verhindert. Bauholz kam zum Sägewerk. Das Grubenholz wurde zum
Holzplatz gefahren. Dieses Holz lieferte man zur Befestigung von Bergwerksstollen.
In Jänickendorf befand sich auf dem heutigen BHG - Gelände bis 1966
der Grubenholzplatz. Hans Höhne war verantwortlich für Verkauf und
Verladen des angelieferten Holzes. Das Sägewerk Große befand sich
rechtsseitig in der Berliner Straße in Jänickendorf. Im November
1957 wurde es durch einen Brand vernichtet und nicht wieder aufgebaut.
Zu Brennholz wurden ausschließlich trockene und nicht zu Nutzholz verwendbare
Bäume geschlagen sowie das Abfallholz von Bau- und Grubenholzeinschlag
verwendet.
Zum Verladen von Langholz (Baumstämme in voller Länge) brauchte
man Pferde. Mit ihrer Hilfe wurden die Baumstämme aus dem Wald gezogen,
das Holz wurde "gerückt".
Hilfreich beim Aufladen von Baumstämmen war auch die Hebelade,
ein Gerät, das es schon seit 1800 gibt und mit dessen Hilfe eine Person
alleine mehrere bis zu 20 m lange Baumstämme auf einen Achswagen heben
kann.
Hebelade in der Museums - Scheune
Dazu wird um die gefällten Baumstämme eine Kette
gelegt, die am Lastarm befestigt ist. Die Hebelade besteht aus zwei senkrecht
stehenden ca. 2m langen parallel verlaufende Bohlen, die mit Löchern
versehen sind. In diese Löcher wird nun abwechselnd je ein Eisenstift
immer weiter nach oben gesteckt, wodurch die Last immer höher gehoben
wird. Der Achswagen kann in Vorder- und Hinterwagen getrennt werden, die beide
mit einem Langbaum verbunden sind und mittels einer Kette zusammen gehalten
werden. Er wurde der Länge des zu transportierenden Holzes angepasst.
Wegen des erforderlichen Zusammenbindens musste der Achswagen aber mit einem
Hub beladen werden. Erst wurde das Holz wie schon beschrieben vorn mit der
Hebelade hochgehoben, so dass der Vorderwagen darunter geschoben werden konnte.
Umgekehrt wurde das Holz am anderen Ende mit der Hebelade hochgehoben und
der Hinterwagen darunter geschoben. Zusätzlich befestigte man den sich
am Hinterwagen befindenden Langbaum nach rechts und links mit einer Kette
an dem aufgeladenen Holz, damit der Hinterwagen beim Fahren nicht ausbrechen
konnte. Diese Arbeit war trotz der Hebelade sehr mühsam und zeitaufwendig.
Langholzfahrer waren in Jänickendorf Erich Hagen, Max Bethin, Willi und
Richard Arndt sowie Ferdinand Emmermacher.
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| Aufladen von Langholz | oben: B.Klär, v.links: K.Forkert, A.Gierke, G.Teuber |
Bernhard Klär fuhr viele Jahre das Holz zum Jänickendorfer Bahnhof - später nach Schönefeld - von wo aus es mit dem Zug weiter nach Berlin transportiert wurde.
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| Abfuhr von Langholz durch B.Klär 1963 | Achswagen mit Langholz vor Haus W. Ernicke |
Der Einsatz von Motorsägen in den späteren Jahren
erleichterte die Arbeit schon wesentlich, ebenso wie der Einsatz von Langholzgummiwagen
und Langholzhängern, zum Teil schon mit Traktoren gezogen. So wurde zum
Beispiel das zu transportierende Holz mit Hilfe von Pferd oder Traktor und
Seilen auf gummibereifte Wagen gezogen oder gerollt.
Für Brennholz wurden die dicken Baumstämme schon im Wald zersägt.
Dazu zerkleinerten zwei Personen das Holz auf dem Waldboden oder auf einem
Sägebock mittels einer Bügelsäge. Im Wald arbeiteten meist
die Männer mit ihren schon größeren Kindern.
Bis Mitte des 20. Jhdts. wurde viel Brennholz benötigt. Es gab wenig
Kohle und diese kostete Geld. Holz kostete "nur" Arbeit. Das Holz
wurde geschnitten und gehackt und im Schuppen oder in Form von Holzmieten
im Freien gestapelt. Viele Bauern brachten ihr Brennholz nach 1945 nach Luckenwalde,
um es dort gegen Zement einzutauschen. Zu dieser Zeit nahmen auch Berliner
Einwohner bündelweise Holz von hier mit nach Hause.
Üblich war es ebenfalls das abzuliefernde Getreidesoll bei schlechter
Ernte im Fläming mit Holz auszugleichen wie auch manchmal fehlende Schafwollmengen.
Tannennadeln, auch "Müll" genannt, harkten die Bauern im Wald
als Einstreu für die Tiere zusammen. Bis ca. 1960 durften im Wald wegen
der Waldbrandgefahr und Schädlingsvermehrung keine Zacken liegen bleiben.
Das zusammenharken war meist die Aufgabe der Flüchtlinge.
Die Arbeit im Wald wurde nur durch eine halbe Stunde Mittagspause unterbrochen.
Gern zündete man da ein Feuer an, steckte die mitgebrachten Stullen auf
einen Stock um diese im Feuer zu rösten. Für die Kinder war das
eine willkommene Abwechslung, auf die sie sich schon den ganzen Vormittag
gefreut hatten.
Dünne Stangen wurden geschält und zum Koppelbau bzw. als Wäsche-
und Bohnenstangen verwendet.
Jeder Bauer, der Wald besaß, bekam die Auflage Bauholz zu machen.
Mit dem hier geschilderten Holzeinschlag war aber die Waldarbeit nicht beendet. Es musste auch immer wieder neu angepflanzt werden. Dazu entfernte man nach einem Kahlschlag die Zacken, die Stumpen blieben meist im Boden oder wurden gerodet. Der Waldboden wurde abgeharkt und 60 cm breite Furchen gepflügt.
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| Gepflügte Furchen zur Neuanpflanzung von Kiefern (Grabenberg 2011) | |
In den glatten weißen Sand pflanzten die Bauern
Sämlinge im Abstand von 50 cm. Diese holten sie sich aus der Baumschule.
Oft halfen die Schulkinder beim Anpflanzen statt unterrichtet zu werden, zum
Beispiel 1948 am Schlossberg Richtung Gottow. Der Förster kontrollierte,
ob die Pflanzen auch fest saßen und sagte dann "hielt sie".
Damit das Unkraut nicht zu hoch kommt, muss zwischen den Sämlingen gehackt
werden. In den Reihen wird das Unkraut durch Mähen mit der Sense entfernt.

neu gepflanzte Sämlinge am Grabenberg
Nach zehn Jahren werden diese Flächen das erste Mal
durchforstet und was an Pflanzen unterdrückt wird, wird als Faschinen
verarbeitet, z.B. für den Graben am Eichelkamm.
Zur Neupflanzung von Kiefern stampfte man mit einem Klemmspaten tiefe Löcher
in den Waldboden. Für Nadelgehölze ist der Spatenschaft lang und
schmal.
Laubgehölze werden mehrjährig verpflanzt und sind infolge dessen
schon von größerem Wuchs. Dazu grub man mit einem Rund- oder auch
Gartenspaten entsprechende Löcher, in die junge Bäume gesetzt wurden.
Die Arbeit im Wald war über viele Jahrhunderte eine schwere Arbeit, mühselig und zeitaufwendig.
Sieht man dagegen den Forstleuten im Jahr 2000 bei ihrer Arbeit zu, kann man in wenigen Minuten erleben wie ein Baum gefällt, Äste und Zweige entfernt werden und der Stamm in entsprechender Länge zugeschnitten wird.
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Das von modernsten Maschinen - dem Harvester - aufbereitet Holz wird mit einem Rücketraktor aus dem Bestand geholt und am Wegrand exakt zum Verkauf bzw. Abtransport gestapelt.
Gisela Bölke